Interview: Alles für die Prüfung

Bei den Sachbearbeiterinnen der Handwerkskammer laufen die Fäden zusammen: von den Anmeldungen der Auszubildenden und der Auswahl der Prüfer:innen bis zur Übergabe der Aufgaben koordinieren sie alles rund um die Prüfungen. Interessant finde ich, was die beiden über die Rekrutierung der ehrenamtlichen Prüfer:innen berichten. Natürlich frage ich auch nach dem Einsatz von KI – der scheint in diesem Fall in der Praxis noch keine Rolle zu spielen, was mich überrascht. Denn im betrieblichen Alltag spielt KI eine zunehmende Rolle, und Prüfungen sollen schließlich den realen Betriebsalltag abbilden.

Dieses Zitat beschreibt es:

In Prüfungen soll, so bestimmt es das Berufsbildungsgesetz (§38 BBIG), die berufliche Handlungsfähigkeit geprüft werden. Handlungsfähig ist, wer in einer für den Beruf typischen Situation fachlich angemessen einen Auftrag bearbeiten kann. Wenn also die KI Eingang in den beruflichen Alltag gefunden hat, so muss sie auch Gegenstand und Hilfsmittel in der Prüfung sein. Und damit ist nicht gemeint, in einem mündlich zu erbringenden Prüfungsteil die Frage zu beantworten: „Was ist künstliche Intelligenz?“ Vielmehr muss es darum gehen, in einem für den Beruf typischen Auftrag die KI zur Bearbeitung zu nutzen – so, wie es auch in der betrieblichen Wirklichkeit der Fall ist.

Kahl-Andresen, Andreas und Labusch, Gerd (2024): Künstliche Intelligenz – Eine Herausforderung für die Berufsausbildung und Gestaltung von beruflichen Abschlussprüfungen; Hrsg: IG Metall. Abrufbar unter: https://wap.igmetall.de/dam/jcr:ab861820-8de6-42e2-946e-effaddbcdb07/IGM_KI_Ausbildung.6c3637beab176804bccd1505a34a097c.pdf


Um es vorweg zu nehmen: das Interview gibt zwar einen Einblick, aber um Antworten auf wichtige, zentrale Fragen zu bekommen, muss ich weitere recherchieren. Nichtsdestotrotz ist das Gespräch ein guter Einstieg in das Thema.

KI-generiertes Bild (fobizz.com)

Alles für die Prüfung

Die Namen meiner Gesprächspartnerinnen bleiben anonym und auch der Ort der Handwerkskammer wird nicht genannt.

Sie rekrutieren die Personen, die Prüfer: in werden wollen?
Ja, alle fünf Jahre gibt es eine Neuberufung für den Prüfungsausschuss und für jeden Beruf führen wir die durch. Wir erkennen schnell, ob es jemand ernst meint mit dem Prüfungsamt oder nicht. Das merkt man im ersten Gespräch. Es müssen die richtigen Leute sein, manche wollen es nur für ihre Vita. Das sind dann die, die gar nicht zur Prüfung kommen.

Habe ich das richtig verstanden, es kommt vor, dass jemand gar nicht am Prüfungstag erscheint?
Ja, genau, das kommt vor. Wir sind als zuständige Stelle dazu verpflichtet, dass die Prüfung jederzeit rechtlich abgenommen werden kann. Deshalb nehmen wir ganz viele Stellvertreter:innen mit auf und setzen Renter:innen für die Aufsicht ein, und wir können uns auch selbst dazu einteilen, wenn es nötig ist. So sichern wir uns ab.

Was ist die größte Herausforderung für die Handwerkskammer mit Blick auf Prüfung?
Genau das: Prüfer:innen zu finden im Ehrenamt. Die Arbeitgeber müssen die ja freistellen für die Prüfungen. Ein kleiner Handwerksbetrieb hat da ein Problem. Zum Beispiel die Fahrradreparaturwerkstätten: im Sommer können die auf niemand verzichten. Wir setzen deshalb auch auf bewährte Kräfte, die schon lange dabei sind. Es wird ja manchen Prüfern nachgesagt sie würden an ihrem Stuhl kleben. Das finden wir nicht korrekt: es gibt viele, ich sage jetzt mal Altgediente, die brennen für ihr Handwerk, die würden mit dem Kopf unterm Arm kommen, um eine Prüfung abzunehmen. Und die brauchen wir auch mit all ihrer Erfahrung!

Wie kann man Arbeitgeber motivieren?
Da sagen wir: du brauchst den Nachwuchs doch auch, du bist auch froh, wenn du Auszubildende hast. Wenn Prüfungen über zwei Wochen gehen, dann kann man das manchen Betrieben aber nicht zumuten, und die Mitarbeiter:innen wollen natürlich nicht ihren Urlaub dafür nehmen. Allerdings hatten wir dieses Jahr bei der Neuberufung für Kaufmann/-frau für Büromanagement so viele neue Hospitationen wie noch nie. Vielleicht ändert sich da etwas.

Wer denkt sich die Prüfungsaufgaben aus?
Für manche Gewerke gibt es zentrale Stellen, die die Prüfungsaufgaben erstellen. Die bekommen wir dann zugeschickt in Papierform und die bleiben dann bei uns. Am Tag vor der Prüfung kommt der Vorsitzende des Prüfungsausschusses und holt sie ab. Also, die Prüfung startet meistens an einem Montag, dann kommt er am Freitag vorher vorbei.

Zum Beispiel: Für die praktische Prüfung wählen die Kaufleute für Büromanagement zwischen einem Fachgespräch und einem Report aus. Beim Fachgespräch können sie sich gezielt auf das vorbereiten, was sie gefragt werden. Das hat Vorteile. Der Report ist so etwas wie eine Hausarbeit, die Prüflinge beschreiben zum Beispiel einen Prozess bei sich im Betrieb. Aber das kann ganz anders ausgehen als er erwartet. Denn die Prüfer:innen bewerten nicht den Report selbst, sondern fragen gezielt nochmal ganz genau nach. Es kann wie eine Falle sein: die Auszubildenden denken, es genügt, wenn sie bei der Prüfung den Report vorstellen, aber das stimmt nicht. Wenn ich sehe, dass jemand den Report auswählt, dann rufe ich immer im Betrieb an und frage nochmal nach.

Die handwerklichen Berufe fertigen bei der praktischen Prüfung etwas an, die Steinmetze zum Beispiel eine Entwurfsmappe. Die reichen sie ein und müssen das Werkstück dann vor Ort anfertigen. Die Steinmetze haben dafür 52 Stunden Zeit, die Schneider:innen 34 Stunden. Manche Teile dürfen sie voranfertigen. Am Ende muss das rauskommen, was vorher eingereicht wurde. Ob der Entwurf mit oder ohne KI-Unterstützung entstanden ist, spielt daher keine große Rolle.

Wie läuft die Prüfung ab?
Für manche Berufe gibt es einen bundesweiten Termin, für andere nicht. Da übernehmen wir dann die Terminkoordination. Oft mieten wir Räume in der ÜBL (Anmerkung: überbetriebliche Lehrgänge). Die Auszubildenden bekommen für die schriftliche Arbeit eine Aufgabe, machen sie am PC und die Prüfer werten auch am PC aus. Die Prüfung findet komplett vor Ort statt.

Was kommt mit der Künstlichen Intelligenz auf die Prüfungen zu?
Im Moment spielt sie bei der Durchführung der Prüfung tatsächlich noch keine Rolle. Wir denken aber, dass das nicht so bleiben wird. Zum Beispiel hatten wir gerade die größte Neuordnung bei den Bauberufen überhaupt und die Gremien tagen ganz schön. Lehrer an Berufsschulen legen großen Wert darauf, dass der Prüfungsstoff dem entspricht, was gelehrt wurde. Die Prüfungsaufgaben müssen sich auf die Ausbildungsordnung beziehen.

Vielen Dank für diesen Einblick!



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